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München/Erlangen – Ein kleines Beispiel nur, aber es ist bezeichnend: Ein weithin sichtbarer Meilenstein für das moderne Deutschland sollte der so genannte „Blaue Turm“ bei Herten im Ruhrgebiet werden. Eine Energiefabrik in bunter Hülle und ein Symbol für eine neue Ära. Mit dem 40 Meter hohen Gebäude an der A42 bekomme das Ruhrgebiet ein Wahrzeichen der Zukunft, kündigten Manager der Firma Solar Millennium zum Projektstart vor zweieinhalb Jahren schwärmerisch an. Aus Abfällen könne hier Energie werden. Selbst „Straßenbegleitgrün“ sollte der Turm in Gas für die Stromproduktion umwandeln. So viel Öko-Zauber war noch nie.
Ein Plan, der unglaublich gut klingt, wie so vieles bei Solar Millennium. „Wir entwickeln Zukunft“, verspricht die Firma in ihrem Slogan. Bei Sonnenkraftwerken sieht sich das überschaubare Unternehmen mit 300 Mitarbeitern aus Erlangen bereits an der globalen Spitze. Das größte der Welt will man in Kalifornien bauen und auch beim Wüstenstromprojekten in Nordafrika mischt man mit. Doch so glänzend und bunt die Unternehmensbroschüren die Zukunft auch ausmalen: Verdächtig viele der angeblichen Großvorhaben leiden unter seltsamen Verzögerungen, müssen gerade neu aufgesetzt oder verschoben werden.
Wer sich intensiver mit Solar Millennium beschäftigt, stößt auf allerhand Merkwürdigkeiten. So ging es auch dem einstigen Chef Utz Claassen, der die Firma Anfang 2010 ganze 74 Tage lang als Vorstandsvorsitzender geführt und dabei tiefe Einblicke gewonnen hat. Was er sah, beunruhigte ihn derart, dass er am 10. Februar per Boten seine Kündigung an den Aufsichtsrat schickte – nach Informationen der Süddeutschen Zeitung mit einer hochbrisanten Begründung.
In dem mehrseitigen Brief erhebt Claassen einen ungeheuerlichen Verdacht: Unternehmen und Aufsichtsrat von Solar Millennium sollen die Geschäftslage zu positiv dargestellt haben. Claassen begründet seinen überstürzten Abschied mit höchst erstaunlichen Erkenntnissen: Bei einer Vorstandssitzung habe er „in Erfahrung bringen müssen, dass das Unternehmen in der in den Medien kommunizierten Markt- und Technologieführerschaft weit entfernt ist und keine Ressourcen hat, diesen Mangel zu beheben“, schrieb Claassen. Laut Claassen soll das auch Teilen des Aufsichtsrats bei seinem Engagement bekannt gewesen sein. Ein Vorstandschef erklärt die Projekte des von ihm geführten Unternehmens zu Luftschlössern und steigt aus – das dürfte einmalig sein.
Dabei waren zumindest die Absichten doch gewaltig. Ein der SZ vorliegender Fünf-Jahres-Plan listete im November 2009 exakt 32 Kraftwerksprojekte auf, die in „Bearbeitung“ seien. Claassen ist überzeugt, dass keine konkreten Projekte existierten. Es habe nur Projekt-Ideen gegeben. Selbst in den USA, einem der wichtigsten Märkte von Solar Millennium, wo die Vorhaben dem Vernehmen nach vergleichsweise am weitesten gediehen seien, könne nach Angaben von Verantwortlichen von Projekten, die als wahrscheinlich und konkret einzustufen seien, nicht die Rede sein, schreibt der Ex-Chef weiter. Laut Claassen äußerte ein verantwortlicher Manager in der Vorstandssitzung vom 27. Januar 2010 explizit, es gebe derzeit keine „Projekte“.
Liest man aber die schönen Unternehmensbroschüren, dann brummt das Geschäft. „Das Geschäftsjahr 2008/2009 war das mit Abstand erfolgreichste in der Geschichte der Solar Millennium“, heißt es im nur wenig später veröffentlichten Geschäftsbericht.
In Wirklichkeit scheint Solar Millennium schon mal ums Überleben gekämpft zu haben. Darauf lassen Unterlagen schließen, die der SZ vorliegen. Demnach soll der Aufsichtsrat und Firmengründer Hannes Kuhn den Manager Claassen davon unterrichtet haben, dass die Gesellschaft Mitte 2009 in eine existenzielle Krise zu schlittern drohte. Ende November 2009 stellt ein anderes Aufsichtsratsmitglied in einer E-Mail sogar fest, die Firma sei einer „existenziellen Bedrohung“ ausgesetzt, weil auch Siemens ins Solarthermiegeschäft eingestiegen sei. Könnten die ambitionierten Ziele des Fünf-Jahres-Plans nicht erreicht werden, habe die Gesellschaft auf lange Sicht „keine Überlebenschance“, heißt es darin. Dabei wollte man doch eigentlich in den Dax.
Und auch der „Blaue Turm“ droht Utopie zu bleiben. Seit Anfang 2009 sei kommuniziert worden, dass der Zeitplan von Blue Tower aktualisiert würde, weil Komponenten optimiert und neu ausgeschrieben werden müssten, schreibt Claassen. „Eine solche Aktualisierung ist jedoch nicht erfolgt. Vom Blue Tower, von dem bisher nur das Betontreppenhaus steht, ist nichts zu sehen.“ Intern warnten Mitarbeiter deshalb vor einer „Zeitbombe“, sollte die Öffentlichkeit davon Wind bekommen.
Unternehmen und Aufsichtsrat lehnten am Freitag Antworten auf SZ-Fragen ab. Die Vorwürfe seien „über weite Strecken grob verzerrt und in entscheidenden Punkten unwahr“, erklärte ein Anwalt von Solar Millennium. Im Fall einer Berichterstattung drohte er mit Schadenersatzforderungen.
Anlegerschützer sind alarmiert, denn es geht um viel Geld. Der Börsenwert von Solar Millennium lag zeitweise bei rund 500 Millionen Euro. Heute sind es noch gut 50 Millionen. Allein über Anleihen sammelte das Unternehmen mindestens 170 Millionen Euro bei Anlegern ein. Und die große Kollekte läuft weiter. Gerade bewirbt Solar Millennium eine neue Anleihe. Emissionsvolumen: stattliche 100 Millionen Euro – „zum attraktiven Festzins von sechs Prozent“, wie es heißt. Laufzeit: fünf Jahre. „Think Big“, tönt das Management und schwärmt vor allem von riesigen Perspektiven in den USA. „Die Solar-Millennium-Gruppe in den USA – rechtzeitig in der Pole Position“, wirbt der Prospekt. Das Ringen um Investoren läuft auf vollen Touren. Vom operativen Geschäft konnte man das zuletzt nicht behaupten. Der Umsatz lag im ersten Halbjahr bei gerade mal elf Millionen Euro. Dabei fiel ein Verlust von 33 Millionen Euro an.
Wer hinter die Kulissen der fränkischen Solarfirma blickt, stößt auf allerhand Ungereimtheiten. So stecken hinter der Firma einige Akteure, die schon bei dubiosen Geschäften auf dem grauen Kapitalmarkt auffielen.
Beispiel Aufsichtsrat Hannes Kuhn: Vor wenigen Tagen erhob die Staatsanwaltschaft Düsseldorf Anklage gegen ihn. Der Verdacht: schwerer Betrug. Es geht um die Pleite der Düsseldorfer DM Beteiligungen AG, die als Teil der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig West zu einem im Sommer 2006 geplatzten Schneeballsystem gehört haben soll, so der Vorwurf (SZ vom Dienstag).
DM Beteiligungen und Leipzig West sollen das Geld der Anleger aus Anleihen zunächst in Unternehmensbeteiligungen und Immobilien gesteckt haben, die sich später als weitgehend wertlos erwiesen. Neues Geld soll nicht mehr nur in solche dubiosen Geschäfte gesteckt, sondern auch für Auszahlungen an Alteigner verwendet worden sein. Bis der Geldfluss versiegte. 9000 Anleger bei der DM Beteiligungen und rund 30 000 bei Leipzig West verloren viele hundert Millionen Euro, die in dunklen Kanälen versickerten. Hannes Kuhn sei als Vorstand der Balance AG Steuerberater eines Großteils der DM-Gesellschaften gewesen, sagen Düsseldorfer Ermittler. Auch bei Solar Millennium ist Kuhn, der „Don Hannes“ von Solar Millennium, eine große Nummer. Der gelernte Steuerberater mit Wohnsitz in Großbritannien gilt vielen als der starke Mann hinter der Firma.
Kuhn, und nicht wie in solchen Fällen üblich der Aufsichtsratschef Helmut Pflaumer, führte nach Claassens Angaben die Verhandlungen über dessen Engagement. Viele im Umfeld der Firma sagen, Hannes Kuhn sei die graue Eminenz im Hintergrund, ohne oder gegen die nichts laufe. Auch Claassen soll das gespürt haben. Er beschwerte sich darüber, der Aufsichtsrat habe „in vollkommen inakzeptabler Weise Druck auf den Vorstand ausgeübt“, damit dieser eine nicht näher bezeichnete „Position bei der Deutschen Bank“ schließen konnte. Es ging offenbar um einen möglichen Kredit der Firma an den Aufsichtsrat Kuhn.
Auch bei Solar Millennium gerät Mitgründer Kuhn ins Visier der Justiz. Mit Blick auf den üppigen Vorstandsvertrag für Claassen, der nach Angaben seines Anwalts in fünf Jahren bei Solar Millennium bis zu 100 Millionen Euro hätte verdienen sollen, ermittelt die Nürnberger Staatsanwaltschaft gegen den Aufsichtsrat wegen Untreue. Die Bafin geht obendrein dem Vorwurf des Insidergeschäftes nach. Auch hier geht es um ein Aktiengeschäft Kuhns.
Immer wieder stoßen Ermittler in einem undurchsichtigen Firmennetz, das Kuhn umspannt, auf die Balance AG, deren Vorstand er war. Das Unternehmen mit Sitz in Erlangen und einem Ableger in Dubai, taucht auch bei Solar Millennium seit Jahren regelmäßig auf. Balance sei eine „Kooperation von rechtlich selbstständigen Gesellschaften“, heißt es auf der ansonsten nur spärlich bestückten Internetseite. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Balance-Gesellschaften. In ihren Jahresabschlüssen taucht der Name Hannes Kuhn mal als Mitglied des Vorstands, mal des Aufsichtsrats auf. Im Mai, bei der phasenweise sehr kontroversen Hauptversammlung von Solar Millennium in Erlangen, wollten kritische Aktionäre endlich Klarheit.
Kontrolleur Kuhn wurde nach seiner Rolle bei der Balance AG gefragt, die als Steuerberaterin nicht nur für das Pleiteunternehmen DM Beteiligungen, sondern auch für Solar Millennium agiert. „Ich bin seit 2007 nicht mehr an der Balance AG beteiligt“, antwortete Kuhn auf Aktionärsfragen, „ich habe die Balance AG an meine Mitarbeiter verkauft.“ Gleichwohl findet sich auch nach 2007 noch elektronischer Schriftverkehr Kuhns mit dem Absender der Balance-Geschäftsleitung sowie dem Unterzeichner Hannes Kuhn.
Merkwürdig: So vielfältig aktiv der Steuerberater auch ist – im überschaubaren Franken kennt ihn kaum jemand.
Aktionärsschützer reagieren auf die Vorgänge zunehmend beunruhigt und fürchten mögliche Zusammenhänge. Die Balance AG gehöre zum Netzwerk der DM-Beteiligungsgesellschaft und sei auch in eine andere Immobilienpleite verwickelt, mutmaßt der auf Anlageschutz spezialisierte Berliner Rechtsanwalt Jochen Resch. „Vor diesem Hintergrund könnte die Rolle von Kuhn bei Solar Millennium Anlass zur Sorge geben.“
Das Unternehmen weist derweil im Internet schon mal auf wohlgesonnene Analystenkommentare hin. „Solar Millennium: Analyst sieht keine Insolvenzgefahr“, lautet der Titel eines Interviews. Eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen, noch dazu für eine Firma mit globalem Geschäft in einem brummendem Zukunftsmarkt. Für Solar Millennium ist es aber offenbar eine Nachricht wert.
Das Unternehmen
soll ums Überleben
gekämpft haben.
„Die Rolle von
Hannes Kuhn könnte Anlass
zur Sorge geben.“
Solarthermiekraftwerk in Kalifornien: Rückschläge treffen das Unternehmen Solar Millennium hart. Foto: picture alliance/dpa
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