Die Pläne waren ohne Beispiel und sie klangen unglaublich gut. Das größte Sonnenkraftwerk der Welt werde man bauen, kündigte Solar Millennium im Sommer an. Eine Anlage mit der Kraft eines Atomkraftwerks. Zum Spatenstich an der kalifornischen Küste flog Mitte Juni gar der US-Innenminister ein. Die Firma aus Desertec wollte man mitmischen, in Südafrika und Indien Kraftwerke bauen. Großspurigkeit hatte Methode bei Solar Millennium.
Das Unternehmen aus Euro wert war, gebärdete sich wie ein angehender Weltkonzern. Ständig wurde die Öffentlichkeit mit neuen Ankündigungen überschüttet und immer ging es um das große Ganze, die Zukunft der Menschheit. Die jüngste Nachricht kam aus einer anderen Liga: Seit Donnerstag wird die Firma nicht mehr vom Management, sondern vom Insolvenzverwalter geführt. Denn der einstige Hoffnungswert ist pleite.
Euro an Anlagen und Börsenwert vernichtet. Der Kurs stürzte in den vergangenen Monaten von 44 Euro auf weniger als 50 Cent ab. Auch als Eintreiber für Geldanlagen war das Management äußerst aktiv. Bei insgesamt 14 000 Anlegern warb es in den vergangenen Jahren um Kapital für seine Fonds. Alles in allem zahlten die Investoren mehr als 300 Millionen Euro ein.
"Der Fall hat gewaltige Dimension", sorgt sich Aktionärsschützer Roland Klose vom Präsidium der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Er könnte ein neues Bewusstsein für die Aktionärskultur in Deutschland schaffen. "Denn grün ist nicht automatisch auch gut", warnt Klose. "Anleger sollten jede Aktie kritisch hinterfragen."
Erlangen. Tausende Anleger wollten wissen, was nun aus dem Geld wird, das sie der Firma im Kampf gegen den Klimawandel und für die Energiewende anvertraut hatten. Der vorläufige Insolvenzverwalter Volker Böhm kündigte zwar an, dass Kraftwerke, wenn irgendwie möglich, weitergebaut werden sollten.
Auch ein Totalverlust ist möglich
Doch Experten gehen davon aus, dass sie einen großen Teil der Anlagen abschreiben müssen - bis hin zum Totalverlust. Die Rückzahlung von fünf Anleihen im Wert von rund 200 Millionen Euro steht noch aus. Vor allem Privatleute, die an die grüne Idee glaubten, hatten investiert. "Für Investoren wird es ein schwerer Kampf um ihr Geld", sagt der auf Anlageschutz spezialisierte Berliner Rechtsanwalt Jochen Resch voraus. Anleihen würden bei Firmenpleiten erst am Ende bedient. Und die Erfahrung mit ähnlichen Insolvenzen sei für die Anleger ernüchternd. "Der Kampf dauert in der Regel zehn Jahre und am Ende stehen oft nur bescheidene Summen." Dennoch rät Resch Anlegern, die Forderungen beim Insolvenzverwalter geltend zu machen.
Glaubt man den zuletzt Verantwortlichen bei Solar Millennium, soll am Ende alles böses Schicksal gewesen sein. Weil der im Herbst angekündigte Verkauf der eigenen US-Sparte stocke und der Einstieg angeblicher Investoren bei einem spanischen Sonnenkraftwerk sich verzögere, habe man Insolvenzantrag stellen müssen, heißt es in einer offiziellen Erklärung der Firma. Alles also nur dumm gelaufen? Sicher nicht.
Ruf des Raffzahns
Euro Gage mit; seither kämpft er gegen den Ruf des Raffzahns. Es wird immer klarer: Claaßen hatte gute Gründe für den schnellen Abgang. Er befürchtete offenkundig, in dubiose Machenschaften gezogen zu werden.
Im Zentrum der Verdächtigungen um Solar Millennium steht jener Mann, der Claaßen angelockt und engagiert hatte: Hannes Kuhn, Millionär, öffentlichkeitsscheuer Steuerberater, Multi-Unternehmer, Gründer und bis vor wenigen Wochen Aufsichtsrat bei Solar Millennium. Kuhn, der seinen Wohnsitz noch vor der Pleite nach London verlegt hatte und damit für Schadenersatzforderungen von Anlegern schwerer zu greifen ist, steht im Verdacht, bei Solar Millennium im Hintergrund die Fäden gezogen zu haben.
Die Staatsanwaltschaft und die Finanzaufsicht Bafin ermitteln gegen ihn unter dem Verdacht, dass er Insiderinformationen zu lukrativen Geschäften genutzt hat. Insgesamt ist Kuhn in 20 straf- und zivilrechtliche Verfahren verstrickt.
Euro versickerten. Nach Einschätzung von Ermittlern handelt es sich bei den Immobilienpleiten um eine zusammengebrochenes Schneeballsystem. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Nürnberg wollte sich am Donnerstag nicht zur Pleite von Solar Millennium äußern. Auch die Börsenaufsicht Bafin ließ zunächst offen, ob sie die bereits laufende Untersuchung der Aktien von Solar Millennium nach der Pleite verschärft.