Hintergrundinformationen

 

Der Niedergang der Investmentbank Lehman

Am 15.09.2008 stellte die ehemals viertgrößte Investmentbank der Welt, die Lehman Brothers Holding Inc., Insolvenzantrag (Chapter 11)...

Die 1850 von den Brüdern Hayman, Mendel und Maier Lehman in Montgomery, Alabama gegründete Bank brach mit großem Knall zusammen.

Noch im Jahr 2007 hatte Lehman Brothers den zweitgrößten Wohnungseigentümer der USA, die Firma Archestone-Smith für 22,2 Mrd. $ übernommen. Lehman nahm diese Gesellschaft sofort nach Erwerb noch am 5.10.2007 von der Börse. Die Gesellschaft berichtete für das Geschäftsjahr 2007 per 31.12.2007 von Schulden in Höhe von rund 22 Mrd. $ und drohender Zahlungsunfähigkeit. Die Bilanz 2007 weist einen Unternehmenswert (net assets at fair value) von lediglich 4,8 Mrd. $ aus.

Bereits seit März 2007 zogen die Preise für die Credit Default Swaps (CDS) von Lehman Brothers dramatisch um über 300 % an. Dies war ein deutliches Anzeichen dafür, das Lehman in sehr ernsten Schwierigkeiten steckte.

Am 18.03.2008 berichtete Lehman noch über einen Gewinn von 489 Mio. $ im ersten Quartal 2008. Dieser Bilanzbericht stieß auf sehr negative Presse. Lehman wird zu diesem Zeitpunkt bereits als möglicher Pleitekandidat gehandelt.

Im April 2008 erfolgte eine Kapitalerhöhung um 4 Mrd. $.

Am 16.06.2008 berichtete Lehman über einen Verlust von 2,8 Mrd. $ im zweiten Quartal 2008. Noch im selben Monat wurde eine weitere Kapitalerhöhung um 5 Mrd. $ durchgeführt.

Am 10.09.2008 wurde ein Verlust von 3,9 Mrd. $ im dritten Quartal 2008 ausgewiesen. Gleichwohl erklärte Vorstandschef Fuld zu diesem Zeitpunkt noch vollmundig, das Bankhaus sei stark.

Fünf Tage später, am 15.09.2008, stellte Lehman Brothers Holding Inc. beim United States Bankrutcy Court for the Southern District of New York Insolvenzantrag, Aktenzeichen 08-13555. In der Folgezeit stellten zahlreiche weitere Lehman Tochtergesellschaften rund um die Welt ebenfalls Insolvenzanträge.

Die Insolvenzakte

Die Insolvenzakte 08-13555 enthält eine Aufstellung der 30 größten ungesicherten Gläubiger der Lehman Brothers Holding Inc. An erster Stelle dieser Gläubigerliste stehen gemeinsam die Citibank, N.A. aus New York als indenture trustee (Wertpapier-Treuhänder) und die Bank of New York Mellon Corporation als indenture trustee in bezug auf das Euro Medium Term Notes Programm. Die unbesicherten Verbindlichkeiten resultieren aus Inhaberschuldverschreibungen im Wert von ca. 138 Mrd. $. Es soll sich dabei angeblich nicht um Eigenhandelspositionen der Citigroup handeln, sondern um Anleihebestände, welche die Citigroup treuhänderisch für ihre Kunden, einschließlich institutioneller Kunden aufbewahrt. Die Bank of New York Mellon Corporation ist an zweiter und dritter Stelle der ungesicherten Gläubiger mit einem Betrag von insgesamt weiteren 17 Mrd. $ eingetragen. Auch hier handelt es sich um Schuldverschreibungen.

Erwähnenswert erscheint die Tatsache, das die Citigroup mit 4,5% der zweitgrößte Lehman Aktionär war. Mellon Financial Corporation hielt 1,9% an Lehman.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, das allein die Forderungsaufstellung der 30 größten ungesicherten Gläubiger ein Volumen von ca. 158 Mrd. $ ausweist.

Die Angaben, die Lehman im Insolvenzantrag vom 15.9.2008 gemacht hat, weisen ein Vermögen von 639 Mrd. $ und Schulden in Höhe von 613 Mrd. $ aus. Bei Saldierung verbleibt danach ein „Restvermögen“ von 26 Mrd. $. Bezeichnend ist, das diese Angaben auf den von Lehman selbst angegebenen Werten vom 31.05.2008 beruhen, also auf Werten von rund 4 Monaten vor dem Insolvenzantrag. Wenn man davon noch die in diesen Werten nicht enthaltenen Verluste des 2. und 3. Quartals in Höhe von fast 6 Mrd. $ abzieht, so verbleiben, vorausgesetzt die von Lehman gelieferten Zahlen würden stimmen, magere 20 Mrd. $ Restvermögen.

Das Emissionsprogramm von Lehman-Zertifikaten

Bereits seit Ende 2004 hat Lehman entweder direkt oder indirekt über verschiedene Tochtergesellschaften ein massives Emissionsprogramm, insbesondere in Europa, hier insbesondere in Deutschland, gefahren. Emittiert wurden dabei Zertifikate als Inhaberschuldverschreibungen ausgestaltet, mit denen auf bestimmte zukünftige Ereignisse an den Finanzmärkte gewettet wurde, wobei die Wettbedingungen einseitig der Emittent vorgab. Mit der Emission solcher Wettscheine nahm Lehman in großem Umfang Kredite am Markt auf. Das gesamte europäische Zertifikateprogramm umfasste rund 170 verschiedene Zertifikate mit einem Volumen von nominal ca. 300 Mrd. $ in einem Zeitraum von knapp 4 Jahren.

Laut Geschäftsbericht der Lehman Tochter Lehman Brothers Treasury Co. B.V. für das Jahr 2005 wurden in dem Jahr 45 Mrd. $ Inhaberschuldverschreibungen (Zertifikate) begeben.

Im Rahmen des Euro Medium Term Note Programs, welches speziell auf den deutschen Markt abzielte, wurden mit Prospekt vom 09.08.2006 über die Lehman Brothers Holding, die Lehman Brothers Bank AG und die Lehman Brothers Treasury Co. B.V. Zertifikate im Wert von 60 Mrd. $ nominal begeben. Interessant ist dabei, das dieser Prospekt über 60 Mrd. $ in Englisch von der holländischen Emittentin bei der irischen Wertpapieraufsicht eingereicht wurde und dann als Programm für deutsche Anleger via Notifizierung („europäischer Pass“) nach Deutschland kam.

Mit Prospekt vom 24.07.2007 wurden weitere 100 Mrd. $ in derselben Art und Weise (über Irland) begeben.

Bezeichnend ist, dass der von der Firma Lehman Brothers Treasury  Co. B.V. hinterlegte Basisprospekt zum 4 Mrd. $ Medium Term Note Issuance Program vom 28.08.2007 rund 460 Seiten umfasst. Allein fast 100 Seiten sind der komplizierten Berechnung der Werte der Zertifikate vorbehalten. Die Berechnung ist völlig intransparent und sogar für Fachleute nur äußerst schwer nachvollziehbar. Man könnte vermuten, das dies bezweckt war, denn die komplizierten Darstellungen lassen wohl den Schluss zu, das Zinszahlungen und sogar Rückzahlungen möglichst vermieden werden sollten, jedenfalls aber wohl so gering wie möglich ausfallen sollten (vgl. dazu Seite 11 des Prospektes).

In dem Prospekt heißt es zur Einführung, dass es die einzige Aufgabe von Lehman Brothers Treasury Co. B.V. sei, Geld zu beschaffen, um die Kapitalbasis anderer Lehman Gesellschaften, insbesondere die der europäischen Tochtergesellschaften, zu stärken. Lehman Brothers Treasury Co. B.V. nimmt daher Kredite bei den Anlegern auf und begibt dafür Schuldverschreibungen. Das wirtschaftliche Risiko daraus werde vollständig, so der Prospekt weiter, durch derivate Instrumente über andere Lehman Tochtergesellschaften abgesichert.

Die Emittenten der Zertifikate

Lehman Brothers umgab sich mit einer Reihe von Satelliten (Briefkastenfirmen, auch Zweckgesellschaften genannt), die die Schuldverschreibungen begaben. So trat z. B. die Lehman Brother Treasury Co. B.V. auf. Die holländische GmbH wurde am 08.03.1995 gegründet. Sie hatte weder operatives Geschäft noch Angestellte. Einziger Zweck dieser Gesellschaft war die Geldbeschaffung für den Konzern, so ausdrücklich der Gesellschaftszweck. Die Gesellschaft war eine 100%ige Tochter der Lehman Brothers U.K. Holdings Inc. (Delaware), die wiederum eine 100ige Tochter von Lehman Brothers Holding Inc. (Delaware) war.

Im Geschäftsbericht der Lehman Brothers Treasury Co. B.V. für das Jahr 2007 vom 30. Mai 2008 heißt es:

Die Gesellschaft ist keinerlei Risiken ausgesetzt. Alle eventuellen Risiken sind vollständig durch Absicherungsgeschäfte innerhalb der Lehman Gruppe abgesichert: Die wirtschaftliche Prognose für die gesamte Gesellschaft ist positiv. Die Märkte unterstützen die Gesellschaft, da zahlreiche neue Anleger die Schuldverschreibungen zeichnen. Die Gesellschaft begibt weiterhin Zertifikate als Teil ihres European Medium Term Note Programms. Während des Geschäftsjahres 2007 wurde dieses Emissionsprogramm auf das Volumen von 100 Mrd. $ hochgefahren.

Gleichzeitig begibt die Gesellschaft seit 2006 Schuldverschreibungen in Asien in einem Volumen von 2 Mrd. $.

Weiterhin hat die Gesellschaft das speziell auf den deutschen Markt ausgerichtete Schuldverschreibungsprogramm im Geschäftsjahr 2007 auf 4 Mrd. $ erhöht.

Für das Geschäftsjahr 2007 weist diese Gesellschaft Schulden in Höhe von rund 34,5 Mrd. $ aus. Gleichzeitig ist das Barvermögen auf rund 24 Mio $ gesunken.

In dem Geschäftsbericht gibt die Gesellschaft weiterhin an, sie habe keine Angestellten und die 5 Direktoren hätten in den Jahren 2006 und 2007 keine Vergütung seitens der Gesellschaft bekommen.

Ein weiterer Emittent, die Lehman Brothers Securities N.V., wurde am 31.10.2003 auf den niederländischen Antillen als GmbH gegründet. Das nominale Kapital von 500.000 $ war lediglich zu 1/5 eingezahlt. Auch diese Briefkastenfirma besaß kein operatives Geschäft und keine Angestellten. Gesellschafter der Lehman Brothers Securities N.V. war die Lehman Brothers Asia Holdings Ltd, die wiederum eine Tochter der Lehman Brothers Holding Inc. war. Der Geschäftsbericht dieser Gesellschaft weist z. B. per 30.11.2007 Verbindlichkeiten in Höhe von rund 8,4 Mrd. $ aus.

In einem am 28.08.2008 begebenen Prospekt dieser Gesellschaft heißt es:
Lehman Brothers Securities N.V. ist eine indirekte Tochtergesellschaft der Lehman Brothers Holding Inc. Die mit der Ausgabe der Schuldverschreibungen hereingenommenen Gelder werden benutzt, um Absicherungsgeschäfte mit anderen Lehman Brothers Gesellschaften vorzunehmen. Alle Risiken werden dabei vollständig durch den Einsatz derivativer Instrumente abgesichert, dies wird insbesondere die Lehman Brothers Finance S.A. machen.

Ein anderer Emittent, die Lehman Brothers Luxembourg Equity Finance SA, gegründet am 08.06.2004, besaß ein Stammkapital von 50.000 $.

Alle diese Gesellschaften hatten offenbar nur den einzigen Zweck, die Zertifikate zu begeben und damit Kredite in Höhe von Hunderten von Milliarden $ am Markt aufzunehmen und diese der Mutter zuzuführen. Dabei ist zu berücksichtigen, das die Zertifikate als besichert galten, denn schließlich wurde das Kreditrisiko von der Garantin, der Lehman Brothers Holding Inc. übernommen. Wenn aber nun die einzelnen Emittenten das über die Zertifikate eingesammelte Geld ihrerseits an die Mutter weitergeleitet haben, so fallen Schuldner und Garantin zusammen. Das ist mit der Situation vergleichbar, in der der Schuldner ganz fest verspricht, geliehenes Geld auch zurück zu zahlen.

Die Brokertochter Lehman Brothers Inc., der Brokerarm des Lehman-Konzerns und dessen größte Tochtergesellschaft, hat bei der US-Brokeraufsicht FINRA (Financial Industry Regulatory Authority) eine über 1000 Seiten starke Akte unter CRD# 7506, in der (Stand 28.10.2008) eine Vielzahl grober und gröbster Verstöße gegen geltendes Recht aufgelistet sind. So verhängte die Aufsicht allein in den letzten acht Jahren über den Broker Bußgelder von über 35 Mio. $, u. a. wegen Schönen des Eigenkapitals um 1,5 Mrd. $, fehlerhafter Buchführung, getürkter Handelsumsätze, arbeiten von Börsenhändlern ohne Erlaubnis etc.

Wenn man einmal annehmen würde, Lehman Brothers Holding Inc. hätte die einzelnen Tochtergesellschaften, die die Schuldverschreibungen begeben haben, mit deren Bilanzsummen in die Konzernbilanz aufgenommen, dann hätte man damit die Verbindlichkeiten der Töchter als Vermögenswerte der Mutter ausweisen können. Wenn man dann weiterhin annimmt, das die einzelnen Tochtergesellschaften die über die Emission der Zertifikate die so aufgenommen Gelder – entgegen dem Gesellschaftszweck und entgegen den Darstellungen in den Jahresabschlüssen – ganz oder teilweise an die Mutter abgeführt hätten, so erscheint dies beängstigend.

Die Citibank

Vertrieben wurden viele der Zertifikate in Deutschland über die Citibank Deutschland. Interessant ist, dass die Citibank USA, die ehemalige Muttergesellschaft der deutschen Citibank, gleichzeitig (neben Bank of New York Mellon Corporation) die größte ungesicherte Gläubigerin der Lehman Brothers Holding Inc. ist. Inzwischen mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Vertrieb der Lehman Zertifikate von der Citibank den Vertriebsmitarbeitern durch hohe Innenprovisionen schmackhaft gemacht worden sein dürfte.

Es erscheint ungewöhnlich, dass eine Großbank, die ihrerseits zweitgrößte Anteilseignerin der Lehman Brothers Holding Inc. war, ausweislich der Insolvenzakte ungesicherte Kredite in Höhe von 138 Mrd. $ ausgerechnet bezogen auf das Euro Medium Term Notes Program von nur einem Schuldner im Portfolio hat. Wenn dieser Schuldner dann gezielt auf den deutschen Markt ausgerichtete milliardenschwere Programme zur Generierung von dringend benötigtem Geld auflegt und gerade die (ehemalige) Tochtergesellschaft dieses Großgläubigers die Kapitalbeschaffung des Schuldners begleitet indem sie seine Schuldverschreibungen gegen Provisionen im Markt platziert, so lässt dies durchaus den Schluss zu, dass es sich nicht um Zufall handeln dürfte.

Es scheint ganz so, als habe das System Lehman seit Jahren darin bestanden, über (verdeckte) Kreditaufnahmen der Töchter die marode Mutter zu finanzieren. Als eine der maßgeblichen Vertriebsorganisationen für die Zertifikate - jedenfalls in Deutschland - war eine (ehemalige) Tochtergesellschaft einer der größten ungesicherten Lehman-Gläubiger eingeschaltet.

Prof. Dr. Klaus F. Bröker, Göttingen


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