plusminus - Wie der TÜV seinen guten Ruf verspielt

26.06.2013, Marco Kreuter

So kennt man das: Penible Prüfer. Akribische Untersuchungen. Das TÜV-Siegel steht bei den Deutschen für geprüfte Sicherheit. Und unabhängige Kontrolle. Aber: Ist das wirklich so? Sebastian Grohmann hat das Vertrauen in den TÜV viel Geld gekostet. Der Ingenieur hat 25.000 Euro in einen Immobilien-Fonds investiert. Eine sichere Geldanlage, dachte er: „Wenn ich kein TÜV auf meinem Fahrzeug habe, dann darf ich das im öffentlichen Straßenverkehr nicht mehr bewegen. Ist eine ganz klare Sache. Und wenn es so ist, dass auf dem Finanzmarkt jemand etwas anbietet und das vom TÜV geprüft ist, dann gehe ich auch davon aus, dass die Sache läuft und dass das vernünftig ist.“

Doch es kam ganz anders. Denn ohne es zu ahnen hatte Grohmann sein Erspartes an mutmaßliche Immobilien-Betrüger überwiesen. Die S&K Unternehmensgruppe aus Frankfurt, die mit Hochglanz-Prospekten, aufwendigen Werbe-Videos und vor allem mit einem TÜV-Logo um Kunden warb. Doch der Schein trügt.

Frankfurt im Februar 2013. Großrazzia in einer Nobel-Villa. Teure Autos werden beschlagnahmt. Mit Münzen gefüllte Geldsäcke sichergestellt. Die S&K-Firmengründer festgenommen. Sie sollen Anleger um hunderte Millionen Euro geprellt haben. Ihre teuren Partys und ihren luxuriöse Lebensstil haben sie wohl auch mit seinem Geld bezahlt: Gerd Jesse, Rentner aus der Nähe von Frankfurt. Auch er hatte in S&K Immobilienfonds investiert. Auch ihm wurde eine TÜV-Bescheinigung vorgelegt. Auch bei ihm waren danach seine anfänglichen Zweifel verflogen: „Diese Bescheinigung, die hier vom TÜV ausgestellt wurde, hat für mich eigentlich schon zu 89, 90 Prozent ausgelöst, dass ich auch unterschrieben habe.“ Für Jesse sei die Bescheinigung kaufentscheidend gewesen, erzählt er.
"Gleichzeitig testen und zertifizieren funktioniert nicht"

 Der S&K-Skandal - nicht zum ersten Mal, dass Anleger das Vertrauen in den TÜV wohl teuer zu stehen kommt. Schon mehrfach stand der TÜV mit seinen Geschäften in der Kritik. Weil er seine Siegel an dubiose Finanz-Firmen vergab, die später krachend pleite gingen. Was läuft da schief?

Einer der sich auskennt mit Finanzprodukten und Test-Urteilen ist Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von Finanztest. Für ihn steht fest: Der TÜV verletzt eine Grundregel: „Man kann nicht gleichzeitig testen und zertifizieren. Das funktioniert nicht. Also wenn man prüft. Und das ist das, woran der Kunde beim Tüv denkt: Er denkt an sein Auto, das fahre ich dahin und ich krieg die Plakette nur wenn bestimmte Standards eingehalten sind. Und wenn man dann zertifiziert und sozusagen für Zertifizierung Geld nimmt, dann ist man immer geneigt, möglicherweise beim Prüfen nicht ganz so genau hinzugucken.“

Der TÜV ist eben nicht nur der unabhängige Prüfverein, so wie wir ihn vom Auto kennen. Hinter dem Logo stecken Unternehmen, die vor allem eines wollen: Geld verdienen. Und ausgerechnet im hochsensiblen Finanzsektor macht der TÜV richtig Kasse. Er verkauft Siegel an Banken und Kreditinstitute. Das Angebot ist riesig. Es gibt Siegel für Fondskonzepte. Für Servicequalität. Für geprüfte Baufinanzierung. Bei unserer Recherche stoßen wir besonders häufig auf dieses Siegel. Service tested – geprüfte Kundenzufriedenheit. Herausgegeben vom TÜV Saarland. Das Siegel ist bei Banken begehrt, denn laut TÜV hilft es bei der "erfolgreichen Vermarktung Ihrer Produkte“. Aber wie aussagekräftig ist das Siegel?
"Nutzlos, zwecklos, sinnlos"

 Wir fragen Hermann Josef-Tenhagen: „Man muss klar wissen und dem Kunden auch vermitteln, dass das nicht prüft ob die Kundenberatung gut gewesen ist. Sondern nur ob der Kaffee gut gewesen ist.“ Soll heißen: Das Siegel sagt gerade nichts über die Qualität der Finanzberatung aus. Die muss der Kunde selbst schon erkennen – erklärt der TÜV gegenüber Plusmimus: „Voraussetzung hierfür ist, dass man darauf vertraut, dass der Kunde dies auch beurteilen kann. Wir stellen dies natürlich nicht in Frage.“

Wir recherchieren weiter und wollen wissen, wofür der TÜV noch so seinen Namen hergibt. Auf den Internetseiten von Finanz-Beratern stoßen wir auf diesen Titel: TÜV-Süd-zertifizierter Fondsfachmann. Was hat es damit auf sich? Wir gehen der Sache nach und können es kaum glauben. Ein Online-Seminar - ohne Zugangsvoraussetzungen - bei dem sich jeder Finanz-Laie anmelden kann. Für stolze 820 Euro. Wir registrieren uns und lassen die Schulungsunterlagen von einem ausgewiesen Finanz-Fachmann untersuchen. Prof. Heinrich Bockholt hat an den gesetzlichen Vorgaben für Honorarberater mitgearbeitet. Sein Urteil über die TÜV-Zertifizierung:
»Sie ist nutzlos, zwecklos, sinnlos. Das unglaubliche ist einfach, dass man in dieser Zeit ein Konzept bringt für die Ausbildung von Finanzvermittlern in Sachen Investmentfonds, was überhaupt keine gesetzliche Grundlage mehr hat. Das entbehrt jedem Anspruch an Verbraucherschutz, an Vermittlerrecht. Es ist grauenhaft.«

Wir konfrontieren den TÜV Süd mit dieser Kritik. Der rudert zurück. Der TÜV-zertifizierte Fonds-Fachmann sei gar nicht qualifiziert zur Beratung. Zitat: „Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine „Beraterqualifizierung“, die weiter gehende Kenntnisse für Beratung und Vertrieb von Finanzprodukten vermitteln soll.“
Wie tief steckt der TÜV drin?

Jetzt aber könnte es eng werden für den TÜV Süd. Denn ihm droht eine wahre Klagewelle wegen seiner Bescheinigung für die mutmaßlichen Immobilienbetrüger S&K. Weil bei den Pleite-Fonds wohl nicht mehr viel zu holen ist, nimmt der Berliner Rechtsanwalt Jochen Resch – im Auftrag seiner Mandanten - nun als erster den TÜV selbst ins Visier: „Wir werden den TÜV auf vollen Schadensersatz verklagen. Denn das ist der Haftungsgegner, der noch da ist. Alle anderen sind abgemeldet, sind in der Insolvenz oder im Gefängnis. Das ist aber eine Haftungsgrundlage. Wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, der muss für diese Aussage auch einstehen.“

Und was sagt der TÜV zu all dem? Schriftlich teilt man uns mit, der TÜV habe nicht die S&K als Ganzes zertifiziert. Sondern lediglich deren Immobilienan- und Verkäufe auf Grundlage bereits vorliegender Dokumente zusammengefasst. Und weiter: „Die bereits vorliegenden Wertgutachten für die Immobilien wurden also nicht von uns erstellt."

Rechtsanwalt Resch sagt dazu: „Das mag so sein. Aber das steht da nicht. Der Eindruck ist ein anderer: Da steht drin, dass das geprüft worden ist, dass da bestimmte Normen eingesetzt worden sind. Dass da bestimmte Normen in dem Prüfvorgang drin gewesen sind. Und für den unbefangenen Leser ist überhaupt nicht zu erkennen, dass das nur so eine Addition von An- und Verkäufen sein soll. Sondern es ist eine Prüfung. Da wird genau hingeguckt. So denkt er. Dass das da ist, dass das einen Wert hat. Nicht nur eine Rechenaufgabe.“

 Wie tief ist der TÜV in den Multi-Millionen-Skandal von S&K verstrickt? Nach Plusminus-Recherchen haben Polizei- und Staatsanwaltschaft jetzt sogar Münchener TÜV-Büros durchsucht. Bei der Razzia wurden Unterlagen und Datensätze sichergestellt. Für den TÜV könnten seine neuen Geschäftsfelder jetzt also richtig teuer werden.

Autor: Marco Kreuter

Imagefilm

Wenn Sie als Kapitalanleger Probleme haben, dann sind Resch Rechtsanwälte für Sie da.
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Referenzen

Jochen Resch mit Dr. Dr. Cay von Fournier im Interview über das Thema Exzellente Unternehmen.
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