„Wundersame Geldvermehrung“ bei der Deutschen Oel & Gas AG (DOGAG): Marco Quacken in Erklärungsnot?

15.11.2015 HESSEN DEPESCHE

Stuttgart– Der SSV Reutlingen 05 zählt als Oberligist zwar nicht zu den erfolgreichsten, aber sicherlich zu den traditionsreichsten Fußballclubs in Baden-Württemberg. Am 9. Mai 1905 als FC Arminia Reutlingen gegründet, fünf Jahre später in SV Reutlingen umbenannt und schließlich, nach der Fusion mit einem örtlichen Schwimmverein, 1938 als SSV Reutlingen 05 ins Register eingetragen, nahm der Verein 1950 als Meister der Oberliga Südwest immerhin an der Endrunde zur deutschen Meisterschaft teil, wurde 1974 und 1997 deutscher Amateurmeister und nicht nur in diesem Jahr, sondern auch 1988, 1990 und 1999 württembergischer Pokalsieger.

In Reutlingen ist man daher zu Recht stolz auf die Jungs von der Kreuzeiche, wo sich das 1953 gebaute Stadion der traditionell in den schwarz-rot-weißen Vereinsfarben spielenden Mannschaft befindet. Eine sportlich gleichrangige Bedeutung in der rund 111.000 Einwohner zählenden Kreisstadt im Regierungsbezirk Tübingen hat nur noch die TSG Reutlingen mit ihren deutschen Meistern, Europameistern und olympischen Medaillengewinnern in verschiedenen Disziplinen. An den Volkssport Fußball reicht die Popularität trotzdem nicht heran, zumal der SSV mit dem früheren Nationalspieler und VfB-Stuttgart-Star Maurizio Gaudino ein echtes Schwergewicht als Sportdirektor vorweisen kann.

Gaudino war es auch, der gemeinsam mit Sportvorstand Michael Schuster erst im Juni dieses Jahres den neuen Hauptsponsor des Vereins vorstellte, dessen Schriftzug auch die roten Trikots der Mannschaft ziert: die in Stuttgart ansässige Deutsche Oel & Gas AG (DOGAG). Deren Firmensprecher Marco Quacken konnte in Reutlingen das Sponsoring-Debüt des von Kay Rieck (CEO) und Lars Degenhardt (CFO) geführten Unternehmens vermelden. „Wir fanden das SSV-Konzept gut, es war eine schnelle Entscheidung, und wir unterstützen den SSV bei seinen sportlichen Zielen“, so Quacken damals gegenüber der Presse.

Kaum ein Reutlinger Fußballfan konnte bis dahin etwas mit der DOGAG anfangen, heute dürfte fast jeder wissen, dass die erst 2011 gegründete Gesellschaft Anlegergelder einsammelt, um damit die Förderung von Erdöl und Erdgas in Alaska zu finanzieren. Derzeit ist das Unternehmen mit Offshore-Drilling im Cook Inlet, einer Bucht im Golf von Alaska, die die Kenai-Halbinsel nahe Anchorage vom Festland trennt, aktiv und profitiert von den umfangreichen Subventionen des US-Bundesstaates für Rohstoffförderer. Das Ostufer der Bucht verfügt über sehr gute Anbindungen an diversen Gasversorgungsleitungen, die langfristig den Strom- und Wärmebedarf Südalaskas decken sollen. Darüber hinaus führen Pipelines auch zu einer Anlage, die Erdgas in flüssiges Gas (LNG) für den Export umwandelt, sowie zu einer Raffinerie, in der Rohöl verarbeitet wird. Für die nächste Bohrsaison wurde die derzeit noch in Singapur liegende Plattform „Randolph Yost“ der Firma Shelf Drilling aus Dubai angemietet, um ab April dann im Cook Inlet zum Einsatz zu kommen.

Die deutsche DOGAG, befindet sich in 100%igem Besitz der Luxemburger Deutschen Oel & Gas S.A. (DOGSA), die als die Holding-Gesellschaft die gesamte DOG-Unternehmensgruppe unter ihren Fittichen hat. Erst vor gut zwei Wochen pumpte die New Yorker ING Bank insgesamt 135 Mio. US-Dollar in die Deutsche-Oel- &-Gas-Gruppe. Darüber hinaus hat sich vor kurzem auch das Stuttgarter Emissionshaus Energy Capital Invest (ECI) bei dem Öl- und Gas-Unternehmen eingeklinkt. Genau das sorgt aber jetzt nicht nur in Anlegerkreisen, sondern auch unter Juristen für – gelinde gesagt – Irritationen.

Tatsächlich ging die ECI zunächst mit einem vielversprechenden Geschäftsmodell an den Start und warb Anlegergelder für US-Fonds ein, mit denen die Erschließung amerikanischer Öl- und Gasfelder, die für die Multis wegen der relativ geringen Fördermengen – hier geht es um Tausende statt um Hunderttausende  Barrel pro Tag – uninteressant geworden sind, realisiert werden sollte. Nach eigenen Angaben legte die ECI insgesamt 24 Beteiligungen in sechs Jahren auf und versprach Traumrenditen von bis zu 39 Prozent. Nun wurden die Anleger der von der ECI aufgelegten Öl- und Gas-Fonds über Nacht zum Aktionär der luxemburgischen Deutschen Oel & Gas S.A. Kurzfristig hatte das Stuttgarter Emissionshaus nämlich seinen Investoren mitgeteilt, dass ihre Auszahlungen nun nicht mehr in bar vorgenommen werden sollen, sondern in Form von Aktien der DOGSA.

Kurze Zeit später wurde der Energy Capital Invest die Option eingeräumt, auch die Anleger ihrer Namensschuldverschreibungen durch DOGSA-Aktien zu bedienen. Wie die ECI dazu mitteilte, wurde dies im Rahmen von Anlegerversammlungen mit qualifizierter Mehrheit beschlossen. Der Anlegerschutzanwalt Manfred Resch von der renommierten Berliner Kanzlei Resch Rechtsanwälte erklärte dazu: „Unerwähnt bleiben darf dabei nicht, dass die jeweilige Treuhänderin befugt war, die Stimmrechte der Anleger nach ihrem freien Ermessen auszuüben, sofern Anleger an der Versammlung nicht teilnahmen. Von dieser Befugnis machten die Treuhänderinnen auch gründlich Gebrauch. Daneben kursieren Gerüchte, nach denen Anlegern zu den im abgelegenen Uhingen stattgefundenen Versammlungen der Zutritt verwehrt wurde.“ Starker Tobak!

Fairerweise muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die Anleger der Fonds und Namensschuldverschreibungen von ECI bislang keinen Grund zur Sorge hatten, da die Ausschüttungen stets pünktlich und regelmäßig geflossen sind. Unlauteres Geschäftsgebaren kann man dem Stuttgarter Emittenten also nicht nachsagen, auch wenn bereits 2014 die ersten kritischen Stimmen zu dem Geschäftsmodell laut wurden. Für den Wiesbadener Rechtsanwalt Sebastian Rosenbusch-Bansi von der Kanzlei Cäsar-Preller wirft die Umwandlung der Renditezahlungen in DOGSA-Aktien nun allerdings Fragen auf, zumal das Motiv unklar bleibe. „Die Anleger begeben sich damit auf dünneres Eis. Sie sind nun von der Entwicklung des Aktienkurses abhängig. Diese Entwicklung kann natürlich in beide Richtungen gehen, das heißt, es sind auch finanzielle Verluste möglich“, so Rosenbusch-Bansi.

Die ECI selbst begründete den Umtausch von Anlegerkapital in Aktien mit einer besseren Liquiditätsausstattung und einer damit einhergehenden Verbesserung der Bonität der Gesellschaft. Dies sei, wie es in einem Schreiben von ECI heißt, notwendig geworden, nachdem es im Jahr 2014 „witterungsbedingt“ zu Verzögerungen bei der Fertigstellung der Infrastruktur im Fördergebiet Alaska kam, wodurch Mehrkosten von rund 220 Millionen US-Dollar entstanden seien, während das Platzierungsergebnis der neuen ECI-Fonds bislang knapp 75 Prozent unter dem Vorjahreswert blieb. Die Mehrkosten seien zum Großteil von einem US-amerikanischen Finanzinvestor – höchstwahrscheinlich Energy Capital Partners aus Short Hills (New Jersey) – vorfinanziert worden, der dadurch die Möglichkeit erhalten habe, im Fall einer verzögerten Tilgung durch die Deutsche Oel & Gas die Vermögenswerte in Alaska zu verwerten. Folglich sei es der Gesellschaft nicht möglich, gleichzeitig die Schulden bei dem US-Investor zu tilgen und die zugesagten Auszahlungen an die Anleger vorzunehmen. Klingt alles sehr vage und undurchsichtig. Sebastian Rosenbusch-Bansi ist daher der Ansicht, dass die betroffenen Anleger die Umwandlung ihrer ECI-Fonds und - Namensschuldverschreibungen in DOGSA-Aktien nicht zwangsläufig hinnehmen müssen, sondern juristisch dagegen vorgehen können. „Die Optionen können dabei von der vorzeitigen Kündigung bis zur Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen reichen“, so der Wiesbadener Fachanwalt für Banken- und Kapitalmarktrecht.

Um zu verstehen, warum die Juristen offenbar wenig Vertrauen in die DOGSA haben, ist ein Blick auf den Werdegang der Luxemburger Gesellschaft hilfreich. Diese wurde im Jahr 2013 unter dem Namen SHCO 51 mit einem Stammkapital von lediglich 31.000 Euro gegründet, änderte ihren Namen im Sommer 2014 in Deutsche Oel & Gas S.A. und führte eine Kapitalerhöhung auf 5 Millionen Euro durch – allerdings nicht mit Barem, sondern in Form von genau 5 Millionen Aktien der Deutschen Oel & Gas AG (1 Euro pro Aktie!).

Nur kurze Zeit später, im November 2014, flossen weitere 500.000 Aktien der DOGAG in die DOGSA. Auf wundersame Weise waren diese Aktien dann aber nicht mehr nur einen Euro wert, sondern wesentlich mehr, denn das Stammkapital erhöhte sich auf einen Schlag von fünf auf sage und schreibe 475 Millionen Euro. Insgesamt verfügte die DOGSA nun also über ein angegebenes Grundkapital in Höhe von 480 Millionen Euro. Möglich wurde dies durch das Gutachten eines luxemburgischen Wirtschaftsprüfers, der erklärte, dass ihm bei der Evaluierung „nichts aufgefallen“ sei, das ihn zu der Auffassung führen könnte, dass der Wert der 500.000 Aktien an der DOGAG „nicht mindestens einem Wert von EUR 500.000.000 entspricht“. Und jetzt kommt’s: Derselbe Wirtschaftsprüfer hatte wenige Monate vorher noch einen Umtauschkurs von 1:1 als angemessen angesehen und keineswegs einen Kurs von 1:1000!

Einen Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2014 hat die DOGAG bis heute nicht vorgelegt, obwohl viele Anleger mit Spannung auf die Erklärung warten, wie die DOGAG-Aktien innerhalb von nur fünf Monaten um das Tausendfache im Wert gestiegen sein können. Mittlerweile dürfte die Nachricht von diesem „Finanzwunder“ auch bis zum SSV Reutlingen 05 vorgedrungen sein, wo man sich jedoch bedeckt hält und weiterhin gute Miene zum, wenn nicht bösen, so doch seltsamen Spiel macht. Auch um Firmensprecher Quacken ist es erstaunlich ruhig geworden. In den Kneipen der Stadt kursiert unter den SSV-Fans bereits der eine oder andere Witz über die „wundersame Geldvermehrung“ bei der DOGAG – und der Vereinsvorstand ist möglicherweise ganz froh, nur einen Ein-Jahres-Vertrag mit dem Sponsor abgeschlossen zu haben.

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Wenn Sie als Kapitalanleger Probleme haben, dann sind Resch Rechtsanwälte für Sie da.
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Referenzen

Jochen Resch mit Dr. Dr. Cay von Fournier im Interview über das Thema Exzellente Unternehmen.
Jochen Resch mit Dr. Dr. Cay von Fournier im Interview über das Thema Exzellente Unternehmen.