So erkennen Sie die perfiden Maschen der Anlagebetrüger

11.11.2025 Jochen Resch in der Frankfurter Allgemeine Zeitung

So erkennen Sie die perfiden Maschen von Anlagebetrügern

Die Täter perfektionieren auf Whatsapp ihre Methoden, um das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen – mit dramatischen Folgen bis hin zu Millionenverlusten. Experten warnen vor gefälschten Profilen und KI-Bots.

Wie nehmen die Täter Kontakt auf?

„Bing!“ Eine neue Nachricht wird auf dem Handy angezeigt. Eine unbekannte Person schreibt etwas Belangloses. „Das ist oft der erste Schritt für die Kontaktaufnahme“, sagt Matthias Schröder, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht bei der Kanzlei LSS in Frankfurt. Die Menschen würden dann aus Höflichkeit antworten, so wie man es eben formuliere, dass man offenbar der falsche Empfänger einer Nachricht sei.

So beschreibt Schröder das Vorgehen der Täter, so komme oft der erste Austausch zustande. Das Opfer sehe ein schickes Profilbild, vielleicht von einem gut aussehenden Mann auf dem Surfbrett. Der Täter schreibe, dass er von Haus aus Radiologe sei, aber jetzt ganz viel Zeit für sein Hobby habe.


Wie kommen die Täter an Informationen über ihre Opfer?

Laut Schröder kaufen die Täter die Daten, das koste je nach Umfang nur wenige Cent pro Kontakt. Dann versuchten sie oftmals, so viele Informationen wie möglich über ihre potentiellen Opfer zu finden. In Zeiten von sozialen Netzwerken wie Instagram sei das sehr leicht. Je mehr Informationen, desto effektiver könne die Ansprache der Opfer über Whatsapp funktionieren. Hat der Kontakt vielleicht Bilder beim Surfen gepostet, wählten die Täter ein dazu passendes Profilbild bei Whatsapp aus.


Was machen die Täter, wenn der Kontakt angebahnt ist?

Meistens gehe es damit los, dass das die Opfer in eine Whatsapp-Gruppe eingeladen werde. Dort berichten die Täter in Chats, wie sie es geschafft haben, finanziell unabhängig zu werden, wie der vermeintliche Radiologe. Wenn das Opfer einer Whatsapp-Gruppe mit 20 Mitgliedern beitrete, könne man davon ausgehen, dass alle anderen Mitglieder gefälscht seien, so Schröder.


Was passiert in solchen Chats?

„Dann beginnt ein perfekt inszeniertes Theaterstück“, sagt Jochen Resch von Resch Rechtsanwälte in Berlin. „Meist sind zehn Prozent in einer solchen Gruppe echte Nutzer, die restlichen 90 Prozent Bots.“ Solche auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierenden Chatbots sind Computerprogramme, die flexible Antworten geben, aus den Fragen der echten Nutzer lernen, Zusammenhänge erkennen und wie ein Mensch antworten.
Geschädigte könnten kaum erkennen, dass sie gar nicht mit einem echten Menschen, sondern mit einer KI kommunizieren. Die Bots seien auf Whatsapp mit interessanten Profilbildern ausgestattet und berichteten von ihren ausschließlich positiven Erfahrungen mit dem Vermögensverwalter und Anlageprofi und wie toll doch alles doch sei. Und natürlich darüber, wie viel Geld sie damit verdient hätten.


Warum fallen so viele Menschen darauf rein?

„Es handelt sich dabei um die modernste Form des Anlagebetrugs“, erklärt Resch. Psychologisch nicht zu unterschätzen sei auch, dass der Täuschung meist in den eigenen vier Wänden des Opfers stattfindet und damit dort, wo man sich wohlfühlt. „Wer darauf reinfällt, ist mitnichten automatisch naiv“, so Resch. „Das sind oft sehr erfolgreiche Menschen mit viel Geld.“ Außerdem bauten die Anlagebetrüger im Internet fiktive Seiten ihres Unternehmens auf, die von denen echter Vermögensverwalter kaum zu unterscheiden seien.


Wie erwecken die Betrüger den Anschein der Seriosität?

Um seriös zu wirken, nutzen die Täter laut dem Rechtsanwalt Schröder verschiedene Taktiken. Weit verbreitet sei der sogenannte Reputationsklau. „Die Täter schmücken sich mit fremden Federn und tun zum Beispiel so, als würde ein bekannter Star ihr Geldanlage nutzen“, sagt er. Oder sie erwecken den Anschein, mit einem renommierten Unternehmen zusammenzuarbeiten. Der vermeintliche Vermögensverwalter Crestwood Asset Management zum Beispiel hat die Internetseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gefälscht und dort seine Leistungen propagiert. Des Weiteren werben die Täter auch mit Anzeigen für sich, die sie online in klassischen Medien, aber auch auf Instagram schalten. Auch darüber wirke ein Angebot realer, so Schröder. Manchmal würde auch die Internetadresse eines seriösen Unternehmens marginal verändert, damit möglichst viele Menschen auf der gefälschten statt auf der echten Seite landeten. „Wir vertreten neben den geschädigten Anlegern mittlerweile auch bekannte Privatpersonen aus Wirtschaft oder Sport und Unternehmen und Banken, deren Identität gestohlen wurde, um Anleger zu täuschen. Für diese Mandanten versuchen wir, den Reputationsschaden klein zu halten und die Infrastruktur der Täter zu zerstören“, berichtet Schröder.


Warum zweifeln die Opfer nicht?

Weil sie dazu meist keinen Grund haben, meint Resch. Warum sollte man daran zweifeln, wenn alles gut läuft, alle anderen Gruppenmitglieder ausschließlich von ihren guten Erfahrungen berichten, sagt er. Und vielleicht sogar die Erstanlage – um das Vertrauen der Opfer zu gewinnen – problemlos mit einer ordentlichen Rendite wieder ausgezahlt wird? Das wiederum ist ein für viele Tätergruppen typisches Verhalten.


Wie laufen die Zahlungen ab?

Nachdem die Opfer einige Zeit der Whatsapp-Chatgruppe angehörten, bekämen sie meist über einen festen Ansprechpartner – im Fall von Crestwood ist das zum Beispiel „Annika“, vermutlich ebenfalls nur ein Bot – ein konkretes Angebot zu investieren. „Aber dann ist das Theaterspiel Wirklichkeit“, sagt Resch. Denn dann tätige das Opfer eine echte Überweisung an ein echtes Konto, sagt er. Manchmal gaukelten die Betrüger dem Opfer auch vor, eine Identitätsprüfung vorzunehmen, bei der – wie bei vielen Neobrokern üblich – der Ausweis in die Kamera gehalten werde und ein vermeintlicher Sachbearbeiter per Video zugeschaltet werde, berichtet auch Schröder von seinen Fällen. Investments sind meistens schon ab 250 Euro möglich, viele Opfer überweisen fünfstellige Beträge. In Einzelfällen sind sogar Verluste von Millionenbeträgen bekannt.


Was passiert, wenn das Geld überwiesen wurde?

Dann gehe es oft erst richtig los, erklärt Resch. Was dann folgt, werde oft als „Pig Butchering“ bezeichnet, was übersetzt „Schweineschlachtung“ bedeutet. Die Opfer würden dazu gebracht, immer mehr Geld zu investieren. Wer mit einer kleinen Summe starte, bekäme die gute Wertentwicklung gezeigt und schieße wieder Geld nach. Gemeint sei damit, dass die Opfer ähnlich wie in der Schweinehaltung über einen längeren Zeitraum gemästet werden – also emotional und finanziell aufgebaut –, bevor sie schließlich geschlachtet, also um ihr Erspartes gebracht werden.


Wo hat das System seine Grenzen?

Wenn sich die Opfer irgendwann ihr Geld auszahlen lassen wollen, geht es nach Aussage von Schröder noch weiter. Die Täter forderten dann Steuernachzahlungen oder vermeintliche Sicherheitsleistungen der US-Aufsicht, und zwar oft dann, wenn sie genau wüssten, dass ihr Opfer gar nichts mehr habe. „Oft haben meine Mandanten all ihr Erspartes investiert und nehmen dann mithilfe der Täter noch einen Kredit auf, um die vermeintlichen Steuern zu zahlen“, beobachtet Schröder.


Wie hoch ist die Chance, dass die Opfer ihr Geld zurückbekommen?

Da das Geld meist auf Konten im europäischen Ausland fließe, dauere es oft lange, erklärt Resch. Denn vor Ort würden dann Zivilverfahren über ausländische Anwälte geführt, sofern die Betrüger nach der Verfolgung des Geldes ausfindig gemacht werden könnten. Oft führen die Spuren nach China, aber nicht nur. Strafverfolger sprechen hingegen häufig von Totalverlusten des Gesparten.


Auf welche Warnsignale sollten Anleger achten?

Misstrauen ist laut Schröder von LSS angebracht, wenn Menschen über Social Media, Messenger-Dienste wie Whatsapp, Signal und Telegram angesprochen werden. Auch unerwartete Anrufe seien ein Zeichen. Außerdem seien hohe, sichere Renditeversprechungen alarmierend, ebenso wie nachträgliche Gebühren oder Steuern, die verlangt würden. Oder wenn die Aufnahme eines Kredites empfohlen werde. Auch wenn der Anbieter keine Lizenznummer der Finanzaufsicht Bafin habe, sollte man vorsichtig sein. Viele Täter drängten außerdem ihre Opfer zu schnellen Überweisungen, das sei ebenfalls nicht seriös. Wenn diese dann noch über Krypto-Wallets oder ausländische IBAN liefen, sei großes Misstrauen angebracht. Auch wenn der angebliche Berater Fernzugriff auf den Computer des Opfers fordere, zum Beispiel über Any Desk und Team Viewer, sei das ein Zeichen von Anlagebetrug.


Was können Betroffene tun?

Wer glaubt, Opfer eines Anlagebetrugs geworden zu sein, kann dies bei der Bafin prüfen: www.bafin.de/warnliste. Sie sollten laut Schröder keinesfalls weiter Geld investieren, auch wenn ihnen von den Kriminellen suggeriert werde, das dies nötig sei, um das Vermögen wieder freizuschalten. Außerdem sollte man sofort die eigene Bank kontaktieren, die wiederum versuchen kann, die Überweisung zurückzurufen. Schließlich sollten die Betrugsopfer die Chatkommunikation speichern und Strafanzeige bei der Polizei oder über www.onlinewache.de stellen.